Früher war ich am Spieltisch ziemlich fies. Ich wollte gewinnen, um jeden Preis. Heute will Niklas manche Spiele irgendwann nicht mehr mit mir spielen. Wie passt das zusammen?
Wie sehr kämpfst du bei Brettspielen um den Sieg?
Ich kämpfe gar nicht um den Sieg. Natürlich spiele ich ein Spiel, um zu gewinnen. Sonst fände ich es Quatsch, mich hinzusetzen. Aber manchmal ist für mich der Weg das Ziel. Mir macht es Spaß, mit den Leuten zusammen zu sein.
Es kommt auch auf das Spiel an. Je leichter und lockerer ein Spiel ist, desto weniger will ich gewinnen. Bei Partyspielen ist Gewinnen völlig egal. Da geht es darum, einen tollen Abend zu haben und vor allem viel zu lachen.
Am wichtigsten sind mir die Zeit mit den Leuten und das Spiel selbst. Oft schaue ich mir dabei an, wie die anderen spielen, und denke: Das übernehme ich beim nächsten Mal.
Hat sich deine Einstellung über die Jahre geändert?
Definitiv. Heute steht für mich das Spiel selbst im Mittelpunkt, nicht der Sieg.
Niklas und ich haben früher jede Partie aufgeschrieben. Wir wussten genau, wer wie oft gewinnt, und haben uns deswegen gern gekabbelt. Da haben wir um jeden Sieg gekämpft. Das ist mit der Zeit weniger geworden. Ich jedenfalls schreibe heute nichts mehr auf.
Dabei ist mir etwas aufgefallen: Wenn wir ein neues Spiel ausprobieren, verliere ich meist die ersten zwei, drei Partien. Danach gewinne ich fast nur noch. Nach sechs, sieben Partien will Niklas das Spiel nicht mehr mit mir spielen, weil er immer verliert. Da merken wir: Wir haben beide wenig Spaß an Spielen gegeneinander. Deshalb spielen wir am liebsten kooperative Brettspiele. Da gewinnen oder verlieren wir zusammen.
Was mich heute stört: wenn eine Partie so verbissen läuft, dass jemand 10 oder 15 Minuten über einen Zug nachdenkt. Dann sitze ich nur noch da und warte, und der Spaß ist weg. Das muss ich an einem gemütlichen Abend nicht mehr haben.
Gewinnen um jeden Preis? Da bin ich raus.
Hängt das von den Mitspielenden ab?
Ja. Bei Expertenspielen sitzen oft Leute am Tisch, die gern viele Punkte machen und jeden Zug akribisch durchdenken. Davon lasse ich mich manchmal anstecken.
Mit Niklas ist es anders. Selbst bei Spielen gegeneinander gehen wir uns oft aus dem Weg. In Scythe zum Beispiel könnten wir uns gegenseitig angreifen. Ich will nicht sagen, dass das bei uns nie passiert. Aber wenn, dann nur einmal und nur, weil es einer drauf angelegt hat. Meistens spielen wir friedlich nebeneinander her. Das fällt mir oft auf: Selbst wenn ein Spiel es erlaubt, suchen wir beide nicht die Konfrontation.
Sonst ist es mir egal, ob ich gewinne. Für mich stehen das Spielerlebnis und das Miteinander im Vordergrund.
Findest du es unverschämt, wenn sich jemand weniger reinhängt als du?
Nö. Ich spiele sogar oft mit Menschen, gegen die ich fast immer gewinne. Das stört mich kein bisschen.
Für mich zählen das Spiel und die Zeit zusammen. Und falls du diejenige bist, die meistens verliert: Ich spiele trotzdem jederzeit gern mit dir.
Und du?
Jetzt bist du dran: Wie wichtig ist dir Gewinnen? Und hat sich das bei dir über die Jahre verändert? Schreib es mir in die Kommentare, ich lese jede Antwort.
